MZ 09. März 2018
CHANSON
Zurück in die Zukunft
Das Regensburger „Trio Trikolore" covert auf seinem neuen Album „Les Sixties" Klassiker aus einem aufregenden Jahrzehnt.
Von Helmut Hein
Ein wunderbares Album! Vor etwa sechs Jahren entdeckten die Drei vom Regensburger „Trio Trikolore" - Rainer Hofmann, Sepp Frank und Eva Sixt (Gesang) - ihr Faible für Chansons der 196oer Jahre; und sie bemerkten, dass sie diese Vorliebe mit ihrem Publikum teilten. Von da bis zum neuen, fünften Trio- Album war aber noch ein weiter, harter Weg: Recherche, Prüfung des Materials, Auswahl und, nicht zuletzt, die entscheidende Frage bei jedem einzelnen Lied nach der passenden Instrumentation und dem stimmigsten Arrangement.
Weniger ist hier mehr! Wo etwa Edith Piaf ihre gewaltige Stimme von einem noch gewaltigeren Orchester „tragen" ließ, da setzt das Trio konsequent auf Reduktion, auf Minimalismus - und erreicht nur scheinbar paradoxerweise gerade dadurch eine neue Stufe der Intensität. Denn das Chanson ist ja Stimme der Straße, der kleinen Szene in Café oder Bar, der intimen Situation zwischen Liebenden. Das Chanson ist nicht nur Kunst-, sondern Lebensform. Die Sängerin muss nicht nur singen können, sie hat auch einen Bildauftrag, muss Projektionsfläche für Sehnsüchte und Träume sein.
Wenn Eva Sixt auf der Bühne oder im Studio steht, dann ist das immer schon großes Kino. Und sie hat mit Rainer Hofmann und Sepp Frank zwei „Sidemen", die sehr viel mehr sind als nur Begleiter. Denn dass die Cover-Versionen vertrauter, manchmal auch kaum bekannter Songs neu, frisch, wie Originale wirken, verdankt sich auch ihrer Spielfreude und ihren Einfällen. Beide sind Multi- Instrumentalisten, beide können sich, bei Bedarf, zurücknehmen und setzen gerade dadurch entscheidende Akzente.
Und was bekommt man zu hören? Zunächst und immer wieder Françoise Hardy, die man hierzulande immer noch gern unterschätzt. An ihrem Chanson „La maison ou j'ai grandi" ", einer kleinen Coming-of-Age-Geschichte, kann man überdies die Arbeitsweise des Trios exemplarisch studieren. Das Original stammte von Adriano Celentano und hieß „Il ragazzo della via Gluck". Hardy lernte Celentano beim San Remo-Festival 1966 kennen - und übersetzte, fasziniert, seine Jugendgeschichte ins Französische. Ein halbes Jahrhundert später covert das Trio Hardys Version, aber so, dass Celentano immer präsent ist. Drei Versionen desselben Lieds - und es dürfte das größtmögliche Kompliment sein, dass das Trio, wie man neudeutsch sagt, „auf Augenhöhe" mit den großen Kollegen ist - und dass vor allem Eva Sixt ohne weiteres mit dem charismatischen Latino-Crooner und der zart-elegischen Chanteuse mithalten kann.
Weitere Schwerpunkte: zwei Chansons von Leo Ferré, wobei das zweite, „Avec le temps" ', später dann auch von Dalida und sogar von der Klasssik-Diva Anne Sofie von Otter gecovert wurde. Auch das begeistert an „Les Sixties": dass man eine Reise quer durch die Zeiten und Genres und die entsprechenden „moods" unternehmen kann. Am erotischsten - und das ist ja beim Chanson neben einer tiefen Wehmut das A und O - aber ist oft das Trio. Etwa bei „Deshabillez-moi", diesem ungenierten Entkleidungswunsch, der angeblich zum Skandal wurde, als ihn Juliette Gréco 1967 vor einem verblüfften Publikum vortrug. Eva Sixt bleibt auch in dieser Situation beides: souverän und verlockend.
MZ 07. August 2018
KONZERT
Trio Trikolore punktet mit „Les Sixties" Bei „Palazzo" im Regensburger Thon-Dittmer-Palais
Die Formation ließ Evergreens frisch und quicklebendig klingen.
Michael Scheiner
„Wenn wir einmal reich sind, sehr reich", ergänzt Eva Sixt mit gutturalem Lachen, „besorgen wir kübelweise rote Rosen für euch". Im Arcadenhof vermischen sich vereinzelte Zurufe mit aufbrandendem Beifalls. Das Versprechen kündet von der gegenseitigen Zuneigung, mit der sich viele frankophile Zuhörer und das Trio Trikolore begegnen. Eingelöst wird es auf der Stelle mit Gilbert Becauds so wunderbar melancholischem Chanson „L'Important c'est la rose", wichtig ist (allein) die Rose. Damit landete „Monsieur 100 000 Volt", wie er sich nannte, 1967 zwar nicht in den deutschen Charts. Das war ihm mitten in der beginnenden Beat-Ara zwei Jahre zuvor mit „Nathalie" gelungen, dem trunkenen Liebeslied über eine junge Kommunistin.
Das Publikum labt sich regelrecht an den Chansons
Diesen von Begehren, Sehnsucht und Hingabe getränkten Evergreen, den wohl ein Großteil des Publikums leise mitsummen konnte, hatte sich Sixt bis zum Schluss des Konzertes aufgehoben. Begleitet von ihren fabelhaften Mitspielern Sepp Frank und Rainer Johannes Hofmann am Akkordeon und Bass, die jede ihrer Regungen aufnehmen konnten, liess sie ihren Gefühlen musikalisch und gestisch freien Lauf.
Die letzten Akkorde lagen noch in der Luft, Sixt tänzelte über die Bühne, herzte ihre Musiker, bezog das aufspringende Publikum mit weit ausgebreiteten Armen mit ein. Über zwei Stunden hatte dieses sich an den Liedern der großen Juliette Greco, des Poeten Léo Ferré, des maßlosen Wüstlings Serge Gainsbourgh, von Francoise Hardy und Michel Polnareff, aber auch von Adriano Celentano und Sebastián de Yradier regelrecht gelabt.
Das neue Programm, mit dem die drei aufgetreten sind, heißt zwar „Les Sixties", also „Die Sechziger". Zwischen den heiteren und gefühlvollen Chansons und Gassenhauern wie „C'est si bon" aus den „wilden 6oer Jahren" haben sich aber auch einige Ausreißer versteckt. „Was hilft bei Fern- oder Heimweh", fragte die Sängerin, die sich ständig den Schweiß von Stirn und Armen wischen musste, und mutmaßte „eine weiße Taube". Damit kündigte sie „La Paloma" an, das im 19. Jahrhundert in Spanien entstanden ist und zu den meistgesungenen Liedern in vielen Sprachen, eben auch französisch, gehört. Auch das ursprünglich kubanische „Guantanamera" entstand lange vor den 196oern, als es durch Pete Seeger berühmt wurde.
Frisch und quicklebendig, als wären sie kein halbes Jahrhundert alt, klingen diese jeweils auf die Triobesetzung arrangierten Chansons allemal. Neben dem spürbaren Enthusiasmus, der Liebe der Musiker zu dieser Musik, kommt dies vor allem in der hingebungsvollen und leidenschaftlichen Interpretation von Eva Sixt mit ihrer dunklen Altstimme zum Ausdruck. Darin bündeln sich Sehnsüchte, Versprechen und Lebenslust in einer Weise, wie sie nicht oft zu erleben sind.
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